Versuch über die Traurigkeit

Wenn ich am Himmel ein Flugzeug sehe, das sich zur Landung senkt oder zum Start in dem Himmel schießt, durchzieht mich ein leiser Schmerz. Ich kenne keinen einzigen Passagier in diesem Flugzeug, aber ich stelle mir vor, von welchen Unternehmungen die Passagiere gerade zurückkehren oder zu welchen sie aufbrechen. Ich habe vor Augen, dass Menschen unterschiedlicher Generationen mit Sorgen und Hoffnungen in dem Flugzeug sitzen. Einige werden sich auf eine schöne Reise freuen, andere haben ihre Fahrt hinter sich und denken nun an den wieder bevorstehenden Alltag. Manche sind vielleicht dienstlich unterwegs oder sie wollen Verwandte in einem anderen Land besuchen, wieder andere haben sich gerade von ihren Liebsten verabschiedet. Der eine oder andere wird ein wenig Flugangst haben, für einzelne wird es vielleicht sogar das erste Mal sein, dass sie fliegen. Auch wenn das Fliegen als sicher gilt, so empfinde ich doch die Reisenden in einem Flugzeug als Gemeinschaft, die sich für einen kleinen Zeitraum eine gemeinsame Gefahr begibt.

Das Flugzeug am Himmel blitzt also eilig und stolz in der Sonne, und es ist ein technisches Meisterwerk. Aber mich berührt vor allem das Menschliche, das durch die technische Leistung herausgefordert wird. Die Vorstellung der vielen kleinen Schicksale, die ganz zufällig im Rumpf des Flugzeugs zusammenkommen, zieht mir das Herz zusammen. Ich denke, wie vergeblich so vieles Hoffen und Bangen in unserem Leben ist, und dass es uns doch als Menschen ausmacht, dass wir hoffen und bangen. Die Traurigkeit, die sich in diesem Moment in mir breitmacht, ist warm und gut. Sie ermöglicht es mir, auch an jene Menschen, die ich nicht so gerne mag, mit Empathie zu denken. Sie lässt mich meine eigene Schwäche empfinden und manches loslassen, ohne dass dies etwas von einer Depression an sich hat.

Ich habe einmal einen Dokumentarfilm über Mennoniten in Argentinien gesehen[1]. Vieles an ihrem Leben wirkt heute fremd und Manches – vor allem was das Verhältnis der Generationen anbetrifft – auch unannehmbar. Die deutsche Sprache dieser Menschen klingt schwer und alt, die Regeln ihres Zusammenlebens sind streng. Die Grenze zur gottlosen Welt muss gewahrt bleiben, was manchmal schwierig ist, zum Beispiel, wenn man einmal telefonieren muss. Dennoch haben mir diese Menschen Respekt abgenötigt. Besonders hat mich die Aussage eines Mannes in seinen mittleren Jahren beeindruckt. Er sitzt in diesem Film vor der Kamera, der unsichtbaren Regisseurin gegenüber, und sagt in aller Ruhe: Wenn ich bei Gott sein will, dann suche ich die Traurigkeit. In der Traurigkeit bin ich bei Gott.

Ich denke, dieser Mann meinte damit keine Tristesse oder akute Trauer. Es sprach eher von einer grundsätzlichen Stimmung der Seele, davon, einen Schritt zurückzutreten, von der Preisgabe einer kämpferischen Haltung. Man schaut und versteht und lässt sich von dem berühren, was man sieht und erfährt.

Mir fällt dabei der 90. Psalm ein, wonach unser Leben siebzig oder vielleicht achtzig Jahre währt und so schnell dahinfährt, als flögen wir davon. Es ist kein Geheimnis, dass das Leben dennoch, ja, dass es gerade deshalb wunderschön ist. Das Vergängliche macht es kostbar. Junge Menschen strahlen im besten Falle Kraft und Energie aus, und das ist ein Glück. Aber macht man sich die Flüchtigkeit dieser Kraft bewusst, dann sieht man, dass sich das Licht ihres Strahlens verändert wie der Gang der Sonne. Das Junge verweist auf das Alte und das Alte wiederum auf das Junge, alles ist miteinander verbunden, erzählt voneinander als Teil der Schöpfung, sonst wäre es ehern und kalt. Und in dieser lebendigen Schönheit liegt nach meinem Empfinden eine gute Einsicht, die durch die Traurigkeit ermöglicht wird.

Ich will damit nicht sagen, dass wir schlechthin traurig sein sollen. Aber ich beginne, mich für kulturelle Formen zu interessieren, die ein Moment der Traurigkeit in sich tragen. Mir scheint, es ist etwas passiert, das die Traurigkeit ausschließt oder überdeckt. Viele Menschen habe Angst vor ihr. Sie gehen nicht zu Begräbnissen, weil sie eine Regung fürchten, sie schauen keine Filme, die sie traurig machen könnten und lesen keine entsprechenden Bücher. So manch einer sagt dann: Ich weiß, was Leid ist, das muss ich mir nicht antun. Aber ich denke, mit diesem Ausweichen stimmt etwas nicht.

Ich habe den Verdacht, dass die Ablehnung der Traurigkeit kulturell erworben ist. Meine Tochter liebte schon als kleines Mädchen das schwedische Lied „Vem Kan Segla Förutan Vind?“, in dem es heißt: Wer kann segeln ohne Wind, rudern ohne Ruder, wer kann scheiden von seinem Freund, ohne dass Tränen fließen? Sie hat ein Bild davon gemalt, in dem sie selbst in einem Boot sitzt und die Tränen nur so aus ihr herausspritzen. Es hängt an meiner Wand und erinnert mich daran, dass ein kleines Kind keine Angst vor der Traurigkeit haben muss. Dass es vielmehr die Schönheit darin finden kann.

Wer immer Angst vor der Traurigkeit hat, dem möchte ich erwidern, dass ich nicht einmal erwarte, dass sie für sich und allein stehen muss. Sie sollte nur dabei sein dürfen. Das schönste Lachen enthält eine Spur Traurigkeit. Auch das lässt sich an der Musik erleben. Neulich lief mir ein Lied zu, das es mir gezeigt hat. Es heißt „Das Frühjahr“, geschrieben hat es Vivien Zeller, die dafür einen alten Text neu vertonte. Wie das manchmal so ist, wenn einem etwas gefällt, es geht einem nicht mehr aus dem Sinn. Das Lied hat etwas Treibendes, Eiliges, es erzählt von einem Liebenden, der sehnsüchtig zu seiner Liebsten eilt, durch die erwachende Welt, in der sich „alles lustig macht“, um dort, vor ihrem Fenster, festzustellen, dass da schon ein anderer ist. Es war damals noch Winter, aber ich konnte den Frühling schon fast riechen, und immer wieder hörte ich dieses Lied. So fuhr ich – wiederum mit meiner Tochter – im Auto, als es gerade spielte, und sie sagte nachdenklich: Das ist fröhlich und traurig zugleich.

Vivien, die Sängerin und Komponistin dieses Liedes, war bald darauf mit ihrer Kollegin Ursula in meinem Ort zum Konzert. Ich hörte mir ihre Musik an und fand die Beobachtung meiner Tochter auch anhand vieler anderer ihrer Lieder bestätigt. Ja, es gibt sehr traurige und sehr fröhliche Lieder, aber die meisten Lieder dieser beiden Musikerinnen sind traurig und fröhlich zugleich. Sie ziehen sowohl an den Sehnen und Muskeln, die zum Lachen da sind, als auch an jenen, die zum Weinen betätigt werden. Als sei das eins.

Das hat wohl etwas damit zu tun, dass diese Musik alt ist, und wo sie von heutigen Menschen neu erfunden wird, wie im Falle des genannten Frühlingsliedes, da steht sie mit beiden Beinen auf altem Grund. Die alte Volksmusik zerfiel nicht einfach in Dur und Moll. Sie verfügte – je nach Systematik – über vier bzw. acht verschiedene harmonische Modi, die eine höhere Ambiguität aufwiesen als unsere beiden Standard-Tonarten. Diese Musik ist mehrdeutig, nicht auf Frohsinn und Traurigkeit festgelegt. Dadurch war es auch leicht möglich, Elemente aus anderen Musikkulturen aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Grenze zum Fremden war nicht so scharf gezogen, die musikalischen Stimmungen des Menschen noch nicht in zwei Lager geteilt, die mir heute beinahe wie der Ausdruck einer bipolaren Störung erscheinen.

Was ich hier schreibe, ist vereinfacht, vielleicht zu sehr vereinfacht. Musikhistoriker mögen mir zudem die reiche Geschichte der klassischen Musik entgegenhalten, die es nicht nur zu einer gewaltigen Komplexität gebracht hat, sondern auch alle möglichen Volksmusikfarben aufgenommen hat, man denke nur an Liszt oder Bartok, Sibelius oder Smetana. Und das ist auch alles wahr. Aber ich habe einmal aus einem zehrenden Interesse am einfachen Singen heraus ein Volksliedprogramm erarbeitet und mich von der Standardliteratur leiten lassen, also von dem, was seit dem 19. Jahrhundert als Volkslied kanonisiert wurde. Den „Deutschen Liederhort“ zum Beispiel kannte ich damals noch gar nicht. Verglichen mit diesem alten Material kann ich mit Sicherheit sagen: Da hat eine gewaltige Verflachung eingesetzt. Die meisten ab dem 19. Jahrhundert kanonisierten Lieder sind fröhlich oder traurig (und letzteres selten). Und die Fröhlichkeit ist meistens flach. Also wenn schon, dann lieber Moll: Da drunten im Tale oder Innsbruck, ich muss dich lassen. Aus irgendeinem Grund hat es das alte und wunderbare Es geht ein dunkle Wolk‘ herein in den modernen Kanon geschafft, es sticht vollkommen heraus durch seine schlichte Klarheit.

Wie dem auch sei, die kanonisierten Lieder aus der Moll-Welt sind keine Lieder zum Tanzen mehr. Zum Tanzen spielte man fortan fröhliche Musik, in der keine Traurigkeit geduldet wurde. Ich weiß nicht, warum das so kam, aber ich finde es bedauerlich. Ich denke, die Traurigkeit sollte mit am Tisch sitzen, und sie sollte auch mittanzen dürfen. Es würde die Kultur im wahrsten Sinne des Wortes besser machen.

Ich denke oft: Nur, wer eine solche gute Traurigkeit empfindet, kann wirklich Frieden stiften. Wer aber den Krieg befeuert, davon bin ich überzeugt, lässt solche Gefühle nicht zu. Einmal stand ich mit einem alten Mann zusammen, der Ukraine-Krieg hatte gerade begonnen. Ich kannte ihn schon eine Weile, zum Beginn unserer Bekanntschaft hätte ich ihn nicht alt genannt. Aber nun war er alt, das war unübersehbar, und wir sprachen miteinander über den Krieg. Er erzählte mir von einem Grab im Elsass, das er gesehen hatte. In diesem Grab hatte eine Mutter ihre beiden Söhne bestattet. Der eine war an der deutschen, der andere an der französischen Front gestorben. Als mir der Mann von diesem Grab berichtet hatte, brach er in Tränen aus. Und mir ging es ebenso.

Die Assoziation des Fluges im 90. Psalm verweist nun aber nicht nur auf das Flüchtige des Menschenlebens, sondern auch auf das Himmlische. Ich meine dies nicht im metaphorischen Sinn, als man sich beim „Davonfliegen“ einen Vogelflug am Himmel vorstellen kann, auch wenn in diesem durchaus, ebenso wie in der Bahn des Flugzeugs, ein Hinweis stecken mag. Es geht mir aber hier darum, dass wir in der Tat als Lebende etwas vollkommen Unbegreifliches sind: Organismen, die sich selbst erhalten und die eine Seele haben, jedem Naturgesetz der Entropie zum Trotz. Dass ihre Energie, solange sie am Leben sind, dieser Entropie nicht unterliegt, ist ein Wunder. Und dieses Wunder erfahre ich vor allem in Momenten der Schwäche, die viel mit der beschriebenen Traurigkeit zu tun haben – nur, dass sich diese dann auf mich selbst bezieht. Vielleicht war das Wort Trübsal früher dafür geeignet. Heute wird dieses Wort nicht mehr ernst genommen. Ich möchte es der Einfachheit halber eine große mentale Schwäche nennen.

Der Anlass dafür kann geringfügig sein, diese Schwäche ist eher eine Frage der augenblicklichen Konstitution. Mir scheint dann vieles vergeblich und fragwürdig. Ich denke zum Beispiel, dass ich meine Aufgaben nicht schaffen kann, dass alles zu viel ist. Oder ich registriere mein zunehmendes Alter und werde mir der immer knapperen Frist und der verpassten Gelegenheiten bewusst. Oder ich erinnere mich eines lange zurückliegenden Fehlverhaltens, das auf einmal das Siegertreppchen im Selbstbild erklimmt und mich vor eine schüttere Bilanz stellt. Ich stelle fest, dass ich mich in wichtigen Fragen überschätzt habe. Ich erkenne, dass ich nicht so ein guter Vater, Ehemann oder Freund bin, wie ich es gern wäre und vielleicht sogar geglaubt habe. Ich frage mich, ob ich überhaupt etwas kann, das anderen nutzt, oder ob nicht alles Schall und Rauch ist. Und so weiter. Wie heißt es im Psalm? Und was daran köstlich erscheint, ist doch nur Müh und Arbeit gewesen.

Die landläufige Strategie in Situationen solcher Zerknirschung ist die Analyse. Man zerlegt sein Gefühl nach Ursache und Herkunft in verschiedene Teil-Gefühle und löst diese einzeln und der Reihe nach auf. Oft hilft das, zumal es zuweilen nur kleine Anlässe sind, die sich, wenn sie unreflektiert bleiben, zur Herrschaft über das eigene Empfinden aufschwingen und auf ihm reiten wie auf einem Hexenbesen. Man identifiziert also Aufgaben, die man erledigen muss, wie man eine To-Do-Liste anlegt. Dazu identifiziert man das Selbstmitleid, dass man sich verbieten sollte und das Unbewusste, das zu bearbeiten ist. Danach wird weitergelebt.

Aber nicht immer ist eine solche Strategie richtig und angemessen, weil es sich bei der Schwäche durchaus auch um ein systemisches Problem handeln kann. Sie kann auch darauf verweisen, dass es eben einer besonderen Energie bedarf, um das eigene Leben, seinen Organismus und seinen Geist zusammenzuhalten. Und diese Energie kommt nicht aus uns und sie ist keinen Argumenten zugänglich. Sie ist vielmehr das große Rätsel des Lebens. Und deshalb kann sie uns auch jederzeit abhandenkommen, aber auch wieder geschenkt werden.

Die norwegischen Musiker von Motorpsycho haben einen Song mit dem Titel Entropy geschrieben. Darin heißt es: What do you do when the need dies away? Will the Impulse return and find a new way to cath fire and burn? Das Schöne an diesem Song liegt darin, dass der, der es singt, eben nicht gegen die Schwäche ankämpft, dass er die Entropie vielmehr wahrnimmt und anerkennt. Er stellt sein Leben als eine Frage – aber er stellt es nicht infrage! Er wartet, was geschehen wird. Die Energie, die Leib und Seele brauchen, können wir nur empfangen, und wir empfangen sie nur, wenn wir uns öffnen und unsere Schwäche erleben. Darin liegt für mich das Himmlische an der Traurigkeit. Das Leben kommt aus dem Ganzen, nicht aus uns. Aber wir dürfen sein.


[1] Ohne diese Welt von Nora Fingscheidt, 2017

Kenneth Anders
k.anders@oderbruchpavillon.de

studierte Kulturwissenschaften, Soziologie und Philosophie in Leipzig und Berlin und fand den Einstieg in die Landschaftsthematik durch die Gestaltung einer Ausstellung über die Entstehung der Naturschutzeule in Bad Freienwalde am Haus der Naturpflege. 2004 gründete er mit Lars Fischer das Büro für Landschaftskommunikation. Kenneth Anders ist außerdem als Autor und Sprecher tätig.



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