REDEN 05_Auf dem Weg nach Dachau

Es ist der Sommer 2022. Ein heißer Tag im August. Ich bin geschäftlich in München unterwegs. Es ergibt sich, dass ich am Ende noch etwas freie Zeit habe. So beschließe ich, nach Dachau zu fahren, dort war ich noch nie. Ich erinnere mich, dass mir meine Tochter von einem eindrucksvollen Klassenausflug dorthin erzählt hatte. Eine S-Bahnlinie mit dem Zielbahnhof Dachau fährt, wie ich schon gesehen habe, direkt vom Münchner Hauptbahnhof ab.

Ich gehe hinunter in die S-Bahn-Station und kaufe eine Fahrkarte. Da noch etwas Zeit ist, bis der Zug kommt, will ich mich gerne hinsetzen und ein wenig lesen. Der Bahnsteig ist sehr voll, weiter hinten entdecke ich aber noch einen freien Platz, gleich neben einem älteren Herrn. Ich frage höflich, ob neben ihm noch frei ist. Zur Antwort höre ich ein undefinierbares Raunen. Ich kann das nicht so recht einordnen und beschieße, mich einfach zu setzen. In diesem Moment herrscht mich der Mann an. Er schleudert mir nur ein Wort entgegen: MASKE!!! Ich blicke in sein Gesicht. Es ist hochrot, der Körper angespannt. Ich sammle mich und entscheide, den feindlichen Ton zu überhören. Im Bemühen freundlich zu bleiben, bemerke ich, dass eine Maskenpflicht aktuell nur noch im Zug herrscht, aber nicht mehr im Bahnhof. „Machen Sie sich keine Sorgen“, füge ich hinzu. „Ich bin vollkommen gesund!!“ Kaum ausgesprochen, ärgere ich mich schon darüber und denke, das musste ich ihm doch gar nicht sagen. Aber ich möchte auch nicht, dass die Situation entgleist. „Quatsch“, herrscht er mich an, „setzen Sie die Maske auf!“

Ich beschließe nochmals, mir den Tag und die Laune nicht verderben zu lassen. Andererseits will ich mich aber auch nicht vertreiben lassen. Warum auch. Ich bin froh, endlich sitzen zu können. Der Mann wirkt zunehmend aufgebracht und beginnt nun, mich zu beschimpfen. Ich atme tief durch und sage, „lassen Sie uns doch nicht streiten, der Tag ist viel zu schön, wo geht’s denn hin bei Ihnen?“ Dabei registriere ich, dass unser Wortwechsel einige Aufmerksamkeit erregt hat. Beinahe wie in einer Arena stehen Menschen um uns herum, die Blicke auf uns gerichtet. Ich versuche es, aber ich kann die Gesichter nicht lesen, die meisten tragen Maske. Eine gewisse Spannung macht sich breit. Keiner sagt etwas, doch alle sind offensichtlich recht interessiert. Der Mann hat das wohl auch bemerkt, fühlt er sich gar herausgefordert? Im Bemühen, die Spannung rauszunehmen, füge ich daher möglichst unverfänglich hinzu „ich bin auf dem Weg nach Dachau, dort war ich noch nie“. Der Mann scheint meine Bemerkung gar nicht gehört zu haben. Abrupt steht er jetzt auf und schleudert mir im Gehen diesen einen Satz entgegen: „ICH WÜNSCHE IHNEN, DASS SIE AN CORONA STERBEN!“

Ein Raunen geht durch die Runde. Das haben alle gehört. Es war ja laut genug. Ich senke meinen Kopf, bin entsetzt, fühle mich aber auch beschämt. Doch warum bin ich eigentlich beschämt? Ich schaue wieder auf, suche die Gesichter der Menschen, um vielleicht einen Blick einzufangen. Doch die Blicke weichen mir aus. Keiner sagt etwas. „Und …?“ frage ich in die gesichtslose Menge. Die Menschen bleiben stumm, wenden sich ab, gehen auseinander. Die Runde löst sich so plötzlich auf, wie sie entstanden ist. Ich spüre auf einmal, das Sitzen tut weh. Ich stehe auf und gehe langsam weiter. Fühle mich benommen. Der Zug kommt. Ich steige ein. Ich fühle mich immer noch benommen. Endlich sitze ich im Zug, doch mit meinen Gedanken bin ich weiterhin in diesem Bahnhof. Mit dem Mann, inmitten der Menschen. Das Bild hat sich eingebrannt. Was war das eigentlich, frage ich mich…? Nur langsam weicht die Beschämung. Was jedoch noch lange nachhallt ist … nein, es ist nicht der Todesfluch des Mannes, es ist die bleierne Stille der Zuschauer, welche diesem Schauspiel einen eigenartigen Soundtrack verlieh.

P.S. Der Text reagiert auf diesen Aufruf von Ulrike Meier und Kenneth Anders.

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