Menschen wegwerfen – Nachdenken über die Verachtung der anderen

Es ist viel beklagt worden, und es ist auch wahr: In unseren Diskursen wird immer weniger beschrieben, es wird geurteilt. Jedes Ereignis muss mit einer Wertung versehen werden. Je deutlicher die Wertung ausfällt, umso schlechter ist meist die Beschreibung.

Beschreibungen sind grundsätzlich offen. Man kann ihnen widersprechen, sie korrigieren, ihnen beitreten, sie fortschreiben. Wenn einer sagt: Diese Blüte ist rot, dann kann man antworten: Ja, mit einem Tick ins Rosa. Oder: Ja, aber schau, die daneben ist blau. So geht das immer weiter, das Beschreiben ist anschlussfähig und auf die ganze Welt erweiterbar, es ist sinnlich und neugierig und mutig und genau. Was wir dabei empfinden, was uns an der Welt gefällt oder missfällt, das kommt erst ganz zum Schluss, und es wird fein. Das Hinschauen, der Austausch und das Verstehen, auch im Angesicht des Schrecklichen, das ist wichtig. Ich bin ein großer Freund des Beschreibens.

Urteile dagegen sind zum Positionieren da. Man soll sich zu ihnen gesellen, sich bekennen, die Fahne hissen. Man lehnt Dinge ab und befürwortet andere. Die deutlichste Form des diskursiven Urteils ist der Sprechchor. Ich hatte schon immer Probleme damit, in Sprechchöre einzustimmen, vor allem bei Demonstrationen. Das Differenzieren, das Sich-Öffnen, das Lauschen und einander wohlwollend Gegenübertreten, das ist alles beim Urteilen nicht vorgesehen. Stattdessen bekennt man sich, so laut und deutlich und eindeutig wie möglich, alles andere erscheint als Zaudern und Feigheit. Und noch leichter urteilt es sich, wenn das Urteil die Form des Lebensstils annimmt, in der Ernährung etwa, oder in der Sprache. Dann sehen alle gleich, wie man die Dinge beurteilt und man muss nicht einmal mehr eine Aussage über sie treffen. Man wird sozusagen selbst zum Ausdruck einer Weltanschauung.

So weit, so gut. Aber wie ist es mit den Urteilen über Menschen? Haben die auch zugenommen? Ich meine: Ja. Es wird sehr leichtfertig über Menschen geurteilt, die das eigene Bekenntnis nicht teilen. Dabei gibt es ein einfaches Muster: Sie sind dumm und böse. Ich höre das beinahe täglich in den Medien: „Wer so etwas sagt, ist entweder dumm oder zynisch!“ Zynisch ist in diesem Fall ein Äquivalent für Bosheit, ganz eindeutig. Aber ist das ein neues Muster?

Der Historiker Rüdiger Graf hat einmal gezeigt (FAZ vom 6.2. 2020), dass es sich hierbei nicht um eine Erfindung der Gegenwart handelt. Der Umgang der Linken und Liberalen mit den Nazis in den zwanziger Jahren war vielmehr von genau dem gleichen Muster geprägt. Er vergleicht die diskursiven Urteile jener Zeit mit dem heutigen Blick auf die AFD und es wirkt gerade so, als habe man heute von damals abgeschrieben. Es ist verblüffend. Am Ende seiner Betrachtung sag Graf etwas sehr Schlichtes: Der Befund der Dummheit und Bosheit – ganz gleich ob zu Unrecht oder zu Recht erhoben – hilft der politischen Auseinandersetzung nicht.

Das ist eigentlich sehr einfach zu verstehen. Wer mich als dumm bezeichnet, lässt mir keine Chance. Er sieht sich selbst als überlegen an und mich als minder bemittelt. Damit bin ich raus. Und bei der Bosheit ist es nicht anders. Als moralisch minderwertig habe ich gar keine Chance, in eine gelingende Kommunikation mit dem anderen einzutreten. Ich werde aus der Kommunikation vielmehr ausgeschlossen, mit dem Ergebnis, dass ich mich abwende. Und damit ist niemandem gedient, im Gegenteil: Diese Form des wegwerfenden Urteilens zerstört jede Gemeinsamkeit. Und diese Zerstörung geht von dem aus, der die Integrität des anderen anzweifelt.

Nicht immer hat diese Haltung dominiert. Ich habe bei den Linken und Liberalen der letzten Generation oft eine großzügige, nachsichtige, den anderen in seiner Sichtweise anerkennende Haltung kennengelernt. Vor allem hatte man ein Wissen davon, dass das Leben und das Erleben der Menschen in einem Zusammenhang stehen, dass die eigene Sichtweise also vielleicht gar nicht die des anderen sein kann. Aber diese Einsicht ist heute nicht mehr leicht zu finden.

Wenn doch aber die destruktive Wirkung des Aburteilens so auf der Hand liegt – wie kann es dann sein, so frage ich mich, dass dennoch so viel von diesem Muster Gebrauch gemacht wird – wo doch so deutlich ist, dass dieses Muster Schaden anrichtet, dass es Menschen vertreibt, statt sie zu gewinnen? Dass es von der gemeinsamen Beschreibung der Wirklichkeit abhält und die Leute in Lager weist – in das der Klugen und Guten und in das der Dummen und Bösen? Warum macht man davon Gebrauch, wo doch so leicht zu begreifen ist, wie fatal das ist? Ich denke, dafür gibt es zwei Gründe: die Distinktion und die Warenlogik.

Der Reiz, sich den anderen überlegen zu fühlen, sich zu einer besseren Gesellschaft zu zählen, ist sehr groß. Wird er mit der Angst verknüpft, selbst zum menschlichen Müll gezählt zu werden, ist er noch größer. Dann will man doch im Zweifelsfall lieber zu den Besseren gehören.

Nun kommt aber dazu, dass man meint, auf die anderen auch wirklich verzichten zu können. Wir leben in einer Gesellschaft, in der fast alles, was wir zum Leben brauchen, mit Geld bezahlt wird. Es kann uns egal sein, ob der Müllmann, der unseren Dreck wegfährt, unser Urteil als demütigend empfindet. Und wenn die Frau, die unseren dementen Verwandten pflegt, die falsche Partei wählt, dann werden wir das vielleicht nie erfahren. Wir sind von den anderen kaum noch persönlich abhängig und wissen eigentlich auch nichts von ihnen. Wir werden versorgt und können uns jede Form der Arroganz leisten.

Ich meine, es wird der Tag kommen, an dem wir erfahren, dass wir einander doch brauchen. Man kann nur hoffen, dass es es ein schöner Tag wird, oder jedenfalls kein allzu schlimmer.

Kenneth Anders
k.anders@oderbruchpavillon.de

studierte Kulturwissenschaften, Soziologie und Philosophie in Leipzig und Berlin und fand den Einstieg in die Landschaftsthematik durch die Gestaltung einer Ausstellung über die Entstehung der Naturschutzeule in Bad Freienwalde am Haus der Naturpflege. 2004 gründete er mit Lars Fischer das Büro für Landschaftskommunikation. Kenneth Anders ist außerdem als Autor und Sprecher tätig.