Im Kampfmodus nicht zu gewinnen

Bernd Stegemann über die kommunikative Herausforderung des Anthropozäns.

Mit unserer Öffentlichkeit ist etwas nicht in Ordnung, das empfinden derzeit viele. »Würde man sie als Person beschreiben, so wäre man ungern in ihrer Nähe. Sie ist reizbar, versteht alles falsch, reagiert auf die leisesten Töne mit aggressiver Zurechtweisung, und sie stellt sich taub, wenn sie kritisiert werden soll. Die Öffentlichkeit ist ein unangenehmer Zeitgenosse geworden.« So beschreibt es Bernd Stegemann in einem der seltenen bildhaften Momente seines Buchs.

Der Rückgriff auf Karl Poppers Buchtitel über die offene Gesellschaft lässt ahnen, dass es ihm nicht darum geht, Metaphern zu finden. Sein Buch ist auch keine Abrechnung mit den Feinden der Öffentlichkeit, obwohl diese die knapp 300 Seiten reichlich bevölkern. Vielmehr bemüht er sich um eine Einordnung dessen, was wir gerade erleben, in zentrale Begriffe der politischen Soziologie und Philosophie – um zu verstehen, was eigentlich gerade mit uns passiert.

Das ist so logisch, dass es schmerzt. Die zentrale Plattform der Analyse bildet die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Stegemann rekapituliert zunächst deren grundlegende Aussagen über die Teilsysteme der modernen Gesellschaft, ihre jeweils verschiedenen Kommunikationsmedien und die dahinter verborgenen blinden Flecken. Von da aus wird einsichtig, welch wichtige Rolle die Öffentlichkeit heute spielt – als die soziale Form, in der die Widersprüche, die sich aus den einander unvermittelt gegenüberstehenden Systemen ergeben, beschrieben und ausgetragen werden können. Hier tritt auch der Konflikt zwischen Habermas und Luhmann in Erscheinung; die Frage  nach einer deliberativen Öffentlichkeit, die an bestimmte Rationalitätskriterien gebunden ist. Habermas ahnte, dass das freie Spiel der Öffentlichkeit unter Bedingungen der kapitalistischen Interessenkämpfe zu Problemen führen würde – und doch ist sein Angebot weniger eine Beschreibung als eine normative Vorstellung, die zudem auf dem beschränkten Erfahrungsgrund einer sozialen Milieuerfahrung steht.

Vor diesem Hintergrund wird das zunehmend schlechtere Funktionieren der Öffentlichkeit im Zeitalter des Neoliberalismus verständlich. Sie kann immer weniger Entscheidungsoffenheit erzeugen und blockiert sich in Anerkennungskämpfen, was sich im Erfolg des Framings, in der Political Correctness, der Cancel Culture und einer allgemeinen Verwirrung von Tatsache und Meinung ausdrückt. Denn der Neoliberalismus als herrschende Ideologie vermag es, sich selbst unsichtbar zu machen und uns eine alternativlose Welt zu zeichnen, in der jeder einzelne für sich den maximalen materiellen und kulturellen Gewinn erzielen muss.

Auch wenn Stegemanns Bilanz nicht schön ist, es tut doch gut, dass von hier aus die Philosophiegeschichte, die Theologie und viele andere Selbstbeschreibungen der Moderne endlich wieder zu etwas Nutze werden. Der Rückgriff auf Hegels Befund der schönen Seele, deren Muster sich in der bekenntnishaften Moral der Gegenwart massenhaft reproduzieren, ist einfach plausibel, wie auch die ökologische Unmusikalität der spätmodernen Gesellschaft, die durch Max Webers Befund seiner „religiösen Unmusikalität“ beobachtet werden kann. Ich habe die akademisch-philosophische Auseinandersetzung mit der Gegenwart in den letzten Jahren nur noch am Rande verfolgt, hatte aber immer den Eindruck, dass sie ihr eigenes, kritisches Vermögen bis zur Selbstaufgabe vernachlässigt. Umso mehr muss man Stegemann zu diesem Buch beglückwünschen. Er legt gekonnt die Dialektiken der destruktiven Reinheitsdiskurse frei, statt sie nur zu kritisieren (was inzwischen glücklicherweise viele tun). Er zeigt die verheerenden Wirkungen, die die Aufgabe universalistischer Prinzipien durch die Postmoderne hatte. Da er auf die lebensfeindlichen Mechanismen unserer fragmentierten Öffentlichkeit und nicht auf die „Feinde“ selbst zielt, kann man hoffen und wünschen, dass sein Buch nicht als eine weitere Drehung der ohnehin schon überdrehten Schraube in unserem gesellschaftlichen Gewinde wirkt.  

Schließlich lässt der Text die Ahnung einer Kommunikation aufscheinen, die den immer aggressiveren Rückkopplungen aus Identitätspolitik und Populismus überwinden kann: eine zur Transzendenz fähige Kommunikation, die die Überforderung des Anthropozäns anerkennt und sie zu einer kollektiven Aufgabe macht, welche mit Neugier, Demut und einer fragenden Haltung angenommen werden muss. Im Kampfmodus lässt sich dieser Kampf nicht gewinnen.

Alles hat einen blinden Fleck – und ich meine, auch hier einen solchen zu bemerken, und zwar im Ressourcenbegriff. Ich habe keine Ahnung, wie Luhmann Ressourcen verstanden hat, aber gerade ein systemtheoretisches Verständnis der Ressource scheint mir zur Bewältigung der Herausforderungen des Anthropozäns ganz wichtig. Ressourcen werden bewirtschaftet, sie werden durch die menschliche Aneignung zum Teil des Systems. Aber gerade diese Aneignung führt dazu, dass auch wir als Menschen uns in ressourcenbasierten Systemen an die wiederkehrend angeeignete Natur anpassen. Eine Ressource ist – der Funktionslogik ihrer Bewirtschaftung gemäß – unendlich, denn wir stellen sie durch immer wiederkehrende Pflege, durch Stoffkreisläufe oder durch Reparatur immer wieder her. Indem wir uns an die Ressource binden, erfahren wir Leid durch Mangel, Misslingen und Abhängigkeit, aber wir erfahren auch Glück durch Gelingen, Autopoiesis und Ertrag. Das gilt für das Ackerland wie für den Wald, für das Wasser wie für den Himmel – und es gilt auch für soziale Beziehungen und alle kulturellen Formen, die Ressourcencharakter annehmen können.

Das Scheitern der spätmodernen Kultur besteht meines Erachtens darin, dass sie als Versorgungsgesellschaft gar keine Ressourcen kennt. Sie kennt nur Sourcen, auszubeutende Quellen. In den immer größer werdenden Ballungsräumen kann Natur gar nicht anders als unter dem Gesichtspunt des Verbrauchs – also der Source – begriffen werden. Wer versorgt wird, dem sind alle Praxen der Wiederherstellung als Teil der Aneignung verschlossen. Diese Blindheit des städtischen Metabolismus führt so weit, dass der Ressourcenbegriff unterschiedslos auf Güter des Verbrauchs und solche der Bewirtschaftung angewendet wird – auf Erdöl und den Boden, auf seltene Erden und die Erde selbst. Für das Verbrauchssystem gibt es keinen Unterschied. Und deshalb wird die Naturaneignung selbst suspekt, wodurch das gegenwärtig skurrile Lebensstilgemisch aus Unschuldsphantasien und hysterischen Selbstzweifeln erwächst.

Die Erde selbst als Ressource zu begreifen und so etwas wie eine globale Subsistenzwirtschaft zu entwickeln: Das setzt voraus, die – ländliche – Erfahrung der Ressourcenbewirtschaftung mit ihren ganzen Widersprüchen zu respektieren und durch ihre Beschreibung der Gesellschaft aufzuschließen. Das Anthropozän kann die eigene Katastrophe nur dann abwenden, wenn es gelingt zu einem Ressourcenverständnis der Erde zu gelangen, in dem Glück und Leid, Leben und Sterben, Gelingen und Misslingen, Aneignung und eigene Formung durch das Angeeignete als die zentralen Widersprüche beschreibbar werden. Auf diese Weise erhält eine Öffentlichkeit, die zur ökologischen Transzendenz befähigt werden soll, ihre empirische und beschreibbare Wirklichkeit – und zwar eine, die nicht nur narzisstisch in der Neuartigkeit ihres Zeitalters verharrt, sondern wieder anschlussfähig wird an ihre eigene Geschichte, aus der es doch eine Menge zu lernen gäbe.

Die immer schnellere Vernichtung ressourcenbasierter Lebensweisen im Zeitalter des Neoliberalismus macht diese Chance allerdings zu einem Wettlauf mit der Zeit. Wenn alle nur noch versorgt werden, dürfte sich das Fenster in eine Kommunikation, die der Komplexität unseres Lebens und der ökologischen Transzendenz gegenüber aufgeschlossen ist, geschlossen haben.

Bernd Stegemann, Die Öffentlichkeit und ihre Feinde, Klett-Cotta, Stuttgart, 2021

Kenneth Anders
k.anders@oderbruchpavillon.de

studierte Kulturwissenschaften, Soziologie und Philosophie in Leipzig und Berlin und fand den Einstieg in die Landschaftsthematik durch die Gestaltung einer Ausstellung über die Entstehung der Naturschutzeule in Bad Freienwalde am Haus der Naturpflege. 2004 gründete er mit Lars Fischer das Büro für Landschaftskommunikation. Kenneth Anders ist außerdem als Autor und Sprecher tätig.