Warum sollte die Kultur gefördert werden?

Derzeit werden allerorten große Sparrunden angekündigt, dementsprechend sind viele Menschen, die mit Kunst und Kultur ihr Einkommen fristen, besorgt. Mir geht es ähnlich. Ich leite ein Museum, das größtenteils vom Landkreis Märkisch-Oderland gefördert wird, für seine Programmarbeit und einige seiner Projekte aber auf Landesmittel und Zuschüsse der Kommunen angewiesen ist. Ich frage mich also, ob es mit diesen Projekten weitergehen kann und wie sich die Arbeit, die ich verantworte, in Zukunft entwickeln wird.

Die Kultur ist in einem unruhigen Fahrwasser. Vor einigen Jahren gab es eine Debatte darüber, ob ihre Förderung als wichtiger Lebensbereich ins Grundgesetz aufgenommen werden sollte. Ich war gegen diese Forderung, denn diese Festschreibung hätte meines Erachtens kein Problem gelöst: Je stärker der Rechtsanspruch einer Finanzierung fixiert wird, umso mehr Kulturakteure werden sich auf diesen Anspruch berufen, die Konkurrenz um Fördermittel hätte also wieder neue Knappheiten erzeugt, und die Entscheidung für die Abgeordneten, welche Projekte finanziert werden sollen, wäre erneut schwieriger geworden.

Dann kam die Corona-Zeit, in der die Ausübung von Kunst und Kultur stark behindert wurde, woraufhin im Neustart-Programm wiederum Milliarden für die Kunstszene ausgeschüttet wurden. Hier fürchtete ich zum ersten Mal, dass sich die Großzügigkeit des Staates als Strohfeuer erweisen und neue Abhängigkeiten schaffen könnte. Langfristige Entwicklungen wurden damit jedenfalls nicht gefördert.

Unterdessen gibt es immer mehr große Programme, die die Kulturförderung mit Themen wie „Demokratie“ oder „Vielfalt“ verknüpfen. Die Kunst verliert dabei zunehmend ihre Eigenlogik, sie muss unter Beweis stellen, dass sie auch einen politischen Nutzen hat.

Das Ergebnis ist verwirrend: Einerseits steigen die Kulturausgaben des Bundes seit Jahren, andererseits wächst die Angst vor Einschnitten, wie es hier und da bereits zu erleben ist. In dieser unübersichtlichen Situation plädiere ich für ein öffentliches Gespräch über den Sinn und Zweck der Kulturförderung überhaupt. Es ist vor allem für die Abgeordneten in Kommune, Kreis, Land und Bund wichtig, die verschiedenen Argumente zu hören, um sich darüber klar zu werden, welchen Ansprüchen sie genügen wollen. Denn letztlich handelt es sich hierbei um Steuermittel, die von den Bürgern bezahlt werden. Deshalb sollten sie die Möglichkeit haben, zu hören, was sich die Kulturleute bei ihrem Tun so denken.

Ausgenommen davon sollte allerdings die freie Ausübung von Kultur sein, die keine öffentlichen Mittel beansprucht, weil sie sich über den Markt finanziert oder einfach aus eigenem Antrieb gedeiht. Diese ist niemandem Rechenschaft schuldig, sie ist vom Grundgesetz geschützt und muss nicht einmal von irgendjemandem verstanden werden. Das ist ein wichtiger Unterschied zur geförderten Kultur.

Dass Kunst und Kultur überhaupt gefördert werden müssen, geht historisch auf Repräsentationsbedürfnisse zurück. Einst waren es die Kirchen und die adeligen Höfe, die ästhetische Spezialisten dafür bezahlten, mit ihrem außerordentlichem Können Musik zu schaffen oder Bilder zu malen, die den Geldgebern zur Zierde gereichen konnten. Das Bürgertum kam später auf dieselbe Idee, und sie ist bis heute aktuell, man denke nur an die Hamburger Elbphilharmonie.

Aber die Repräsentation nach außen ist nicht alles. Eine Gesellschaft, die kulturelle Einrichtungen oder künstlerische Werke finanziert, sei es eine Stadtgesellschaft oder ein ganzes Land, gibt sich damit auch eine Vorstellung von sich selbst. Sie formt sich als zusammengehörige Gemeinschaft von Menschen, die miteinander Gefühle, Erfahrungen und Erlebnisse teilen.

Allerdings ist diese Entwicklung ins Stocken geraten. Inzwischen gibt es sehr viele Menschen, die versuchen, mit Kunst und Kultur ihr Erwerbsleben zu gestalten. Die Städte sind mit den Kulturausgaben überfordert, und sie haben es versäumt, sich zu fragen, an welcher Form von Kunst sie überhaupt interessiert sind. Vieles scheint in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Es gibt, das muss man ganz klar sagen, ein Überangebot.

Und hier kommt das Land ins Spiel, das eigentlich nie Gegenstand der Kulturförderung war. Denn die ländliche Kultur folgt keinem Repräsentationsbedürfnis, sie ist vielmehr dazu da, die dörfliche Gemeinschaft durch aktive Mitwirkung immer wieder zu erneuern. Musik und Tanz stehen hier im Mittelpunkt. Vieles davon ist mit der Suburbanisierung des Landes verschwunden, geblieben sind die Dorffeste. Man mag von ihnen halten, was man will, an ihrem Sinn hat sich nicht viel geändert: Es geht bei der ländlichen Kultur nicht darum, Spezialisten für ein Publikum etwas besonders gut machen zu lassen, sondern darum, etwas selbst und miteinander zu tun.

Was passiert nun, wenn auf einmal Fördermittel dafür ausgegeben werden, dass Kultur auf dem Land produziert wird? Nun, das bürgerliche Kulturverständnis, wonach spezialisierte Künstler etwas herstellen und dies einem Publikum präsentieren, trifft auf ein ländliches Kulturverständnis, wonach die Leute zusammen etwas machen, an dem sie ihre Freude haben. Passen diese beiden Vorstellungen zusammen?

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Es wäre auch nicht richtig, hier mit Maßstäben zu agieren und eine kulturell-künstlerische Handschrift zur Norm zu erheben. Aber wie immer die Antwort ausfällt, überzeugen wird sie mich nur, wenn sie aus der Beziehung zwischen den Akteuren heraus entwickelt wird. Wenn sich die Künstler darüber bewusst sind, dass nicht sie die „Kulturschaffenden“ sind, sondern dass alle Menschen gemeinsam die Kultur schaffen, denn Kultur ist das gestaltete Leben. Und wenn die Erfahrungen der Menschen, denen die neuen Kulturinitiativen angeboten werden, zur Kenntnis genommen und aufgegriffen werden.

Mit dem Zusammentreffen des städtisch-bürgerlichen und des ländlichen Kulturmodells entsteht die Chance, die alte Teilung der Menschen in Publikum und Künstler zu überwinden, die künstlerische Kompetenz für das Bild, den Klang oder die Geste zu nutzen, um etwas Gemeinsames zu gestalten und auch einer ländlichen Region zu ermöglichen, eine Vorstellung von sich selbst zu entwickeln; von dem was sie sein möchte und kann. Ob ein solcher Prozess gelingt und unsere festgefahrene Gesellschaft in Bewegung bringen kann, wird sich zeigen.

Kenneth Anders
k.anders@oderbruchpavillon.de

studierte Kulturwissenschaften, Soziologie und Philosophie in Leipzig und Berlin und fand den Einstieg in die Landschaftsthematik durch die Gestaltung einer Ausstellung über die Entstehung der Naturschutzeule in Bad Freienwalde am Haus der Naturpflege. 2004 gründete er mit Lars Fischer das Büro für Landschaftskommunikation. Kenneth Anders ist außerdem als Autor und Sprecher tätig.



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