Dichtung und Heimwerk

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Dichtung und Heimwerk

Imma Harms veröffentlicht ihr zweites Textbuch

Es ist nicht so, dass niemand davon spricht, ach nein. Alle zeigen sich einsichtig. Die Popstars sagen es und die Politiker auch und schon längst sagen es alle in der Wissenschaft. Und in der Zeitung steht es natürlich jeden Tag. Wir sind uns einig, wir können loslegen!

Womit noch gleich? Ach ja, das Leben, wie wir es führen ist gemeint. Das kann nämlich so nicht weitergehen. Das Klima, die Ökologie, die Wälder, alles ist gefährdet. Wir verbrauchen zu viel, wir ruinieren alles. Wir machen nicht nur die Meere kaputt, wir machen uns kaputt. Und deswegen liegt der Schluss auf der Hand: Bescheidener Leben, das muss die Devise sein, Reparieren statt Kaufen, Nachhaltigkeit in allen Bereichen, weniger Verpackung, Schluss mit Plastikmüll, das Fliegen ist auch zu billig und wenn überhaupt, dann nur vegan und bio. Es ist doch schön, dass wir das endlich verstanden haben.

Nein, sagen da manche, nichts habt ihr verstanden, denn alles, was ihr unternehmt, ist zu lasch und es dauert zu lange. Man muss viel radikaler herangehen, Grenzwerte anheben, jetzt aus der Kohle aussteigen, sofort und nicht erst irgendwann und außerdem soll das Ganze gerecht zugehen, wir müssen ernst machen mit einer sozialökologischen Wende. Wann, wenn nicht jetzt? Es muss schneller gehen und radikaler sein.

Das hört sich ja fast noch besser an!

Das Tempo herausnehmen, um genau hinsehen zu können

Imma Harms bezieht sich in ihren Texten kaum auf diese Diskurse, nur fällt gleich ins Auge, dass sie der herrschenden Logik der Beschleunigung nicht folgt. Dass sich die Gesellschaft ändern muss, sagt sie nicht erst seit gestern, sie hat es immer wieder gesagt, in tausend Worten, und geschrieben. Sie versucht aber auch, so zu leben, die Sprache wäre sonst kraftlos. Was heute üblich ist – sich lautstark beschweren und dann bei Amazon was bestellen – das ist nicht Immas Art. Sie ist nach einer langen und engagierten Zeit in Berlin aufs Land gegangen und hat hier, nun, nennen wir es: kollektive Formen des Selbsterhalts ausprobiert. Es ging ihr dabei nicht um Autarkie, ihre Wege und Worte sind zur Welt hin offen. Die Subsistenz gelingt nicht durch eine Verweigerung des Austauschs, seien es Dinge oder Worte, sondern durch die Beziehung zur Ressource. Ressourcen aber sind auf dem Markt nicht handelbar, sie erhalten ihren Charakter erst im bewirtschaftenden sozialen System. Werden sie verkauft, degenerieren sie zu Verbrauchsgütern.

Auch das „Weniger“ hat Imma ausprobiert, um nicht von materieller Knappheit zu sprechen, und zugleich schert sie sich immer um die Regeln, nach denen da gelebt wird, sie ist also nicht ignorant gegenüber der sozialen Dimension unserer Naturaneignung, im Gegenteil: Ihr Handeln geht wahrscheinlich vor allem von diesen Aspekten aus. Und es ist auch nicht so, dass der kritische Impuls, der sie auf all diese Fährten gebracht hätte, in den letzten Jahren stumpf geworden oder der Bequemlichkeit anheimgefallen wäre. Nein, das alles ist ungebrochen, und wenn sich auch immer wieder bange Töne in ihre Texte mischen, so ist der Stachel doch immer noch spitz.

Aber der Stachel hat auch Widerhaken und diese machen ihn für den gegenwärtigen Klima-Konsum-Ökologie-Gerechtigkeitsdiskurs recht unverdaulich. Denn auch jene, die in diesem Diskurs radikalere und ungeduldigere Töne anschlagen als im allgemeinen Einerlei des So-kann-es-nicht-weitergehen, produzieren ja meist allzu einfache Botschaften, die die Sprechenden aus der Dialektik der Gesellschaft lösen und damit zu entlasten scheinen. Nichts aber liebt der Kapitalismus mehr als das Wohlfeile, lässt es sich doch so schön verpacken und wieder neu verkaufen. Und ehe man es sich versieht, ist man mit seinem wiederverwendbaren Kaffeebecher und seinem E-Roller auf der Demo unterwegs und merkt nicht einmal, was für ein guter Kunde man doch wieder geworden ist.

Kritische Dialektik

Das kann einem mit Immas Texten nicht passieren. Sie bauen die Dialektik zwischen dir und mir, den Dingen und dem eigenen Körper immer wieder neu auf und verweigern dennoch die hegelsche List, mit der am Ende alles doch irgendwie Sinn macht. Wenn in ihren Beschreibungen etwas Sinn macht, dann es ist der analytische Gewinn, selbst dort, wo man sprachlos zurückbleibt. Wenn die stolzen Einbände der gesammelten Tageszeitungen nach hartnäckigen Versuchen der Inwertsetzung entleibt werden müssen, fällt einem einfach nichts mehr ein außer: Oh nein – aber ja, so ist es!

Die hier zusammengestellten Texte wurden über 13 Jahre auf Immas taz-blog veröffentlicht. Im Gegensatz zum ersten aus diesem Fundus publizierten Buch „Dünne Haut und dickes Fell“ ist das Gesichtsfeld dieses Mal strenger abgegrenzt. Den größten und zusammenhängenden Abschnitt bildet die Serie „Let it go.“ Dass das besinnungslose Wegschmeißen für einen bindungs- und empathiefähigen Menschen nicht gut ist, mag man gewusst haben. Was aber passiert, wenn sich jemand ernsthaft vornimmt, in diesen unvermeidlichen Vorgang Respekt, Sorgfalt und geistige Wachheit zu investieren, das beschreiben diese Texte. Ihre Stärke gewinnen sie aus der Verschränkung von praktischem Experiment und ständiger Reflexion. Man versteht: Zwischen Leben und Schreiben besteht ein ganz starker Zusammenhang. Unsere Praxis kann sich nur verbessern, wenn sie der ständigen Kritik unterworfen wird, die ihre Kraft aus der Genauigkeit bezieht. Und das Schreiben bringt nur etwas, wenn man auch Mühe in eigene Erfahrungen investiert.

Das Experiment und das Schreiben gehören zusammen

Die Entdeckungen, die Imma beim Reparieren, Aussortieren, Weggeben und Wiederaneignen macht, werfen nun auch ein Licht auf andere Felder unserer Praxis. Das Verhältnis zum eigenen Körper lässt sich als Ressourcenbeziehung beschreiben, aus deren Komplexität es kein Entkommen gibt. Die Inanspruchnahme von Mobilitätsleistungen, medizinischer Infrastruktur oder unseres mit Werbebotschaften aufgerüsteten öffentlichen Raums bietet unter Gesichtspunkten des persönlichen Energie- und Zeiteinsatzes geradezu befreiende Einsichten, da die Autorin auch hier die experimentelle Distanz wahrt. So entkommt man durch das Lesen endlich einmal dem Ausgeliefertsein an die Strukturen des gesellschaftlichen Zusammenlebens – wer hätte das gedacht.

Aber wie war das doch nun mit dem Umdenken und der Kritik an unserer Lebensführung? Wird man durch diese unbarmherzigen, oft auch noch selbstkritischen und beinahe pingeligen Analysen nicht geradezu entmutigt?

Ich kann das nicht feststellen. Da gibt es Trauer und Komik, beides steckt in diesen wunderbar geschriebenen Texten und trägt einen auch dort, wo es ungemütlich wird. Und dann ist da noch das Gelingen, von dem die Texte durch die Beziehung zwischen Tun und Schreiben dann doch erzählen, selbst dort, wo wir uns der Endlichkeit und Vergeblichkeit aller Dinge und natürlich unseres eigenen Lebens gegenübersehen. Das Tun und das Schreiben, beides ist die Mühe wert. Immas Texte zweifeln an vielem, daran aber nicht.

Erscheint im Herbst 2020.

Kenneth Anders
k.anders@oderbruchpavillon.de

studierte Kulturwissenschaften, Soziologie und Philosophie in Leipzig und Berlin und fand den Einstieg in die Landschaftsthematik durch die Gestaltung einer Ausstellung über die Entstehung der Naturschutzeule in Bad Freienwalde am Haus der Naturpflege. 2004 gründete er mit Lars Fischer das Büro für Landschaftskommunikation. Kenneth Anders ist außerdem als Autor und Sprecher tätig.